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Herzlichen Glückwunsch, Anna B. oder Es fing so harmlos an

in Alte und neue Literatur...von Gilbert Kapkowski 21.06.2018 13:33
von gkapkowski • 15 Beiträge

Herzlichen Glückwunsch, Anna B.
oder
Es fing so harmlos an
von Gilbert Kapkowski 25.Mai 1974 übertragen am 20.12.2017


Geburtstagsfeiern sind wie dazu geschaffen, um allen berufsmässigen Halbidioten kontinuierlich den Nerv zu töten.

Selbstverständlich wird es niemanden sonderlich interessieren, was ausgerechnet ICH zu diesem Thema zu sagen habe, aber... - ach was.

Es war Freitag, nicht unbedingt der 13. oder gar der Jahrestag des grossen Börsenkrachs, doch leider der x-te Geburtstag von Anna B., die ganz zufälligerweise vor mehreren Jahren genau an diesem Tag, im wahrsten Sinne des Wortes, ihre Mutter verlassen hatte.

Dieses, von Gott und der Welt, längst zu den Akten gelegte Ereignis, diente nun als fadenscheiniger Vorwand, den Tag der Wiederkehr eben desselben als solchen feierlich zu würdigen.

Ich kenne Anna B. überhaupt nicht, aber schliesslich kenne ich ja jemand, der jemand kennt, der Anna B. kennt und das war Grund genug, mich davon zu überzeugen, dass die Feste fallen müssen, wie sie gefeiert werden und ich als geladener Gast nicht unbedingt entsichert zu sein brauche.

„Keine Feier ohne Meier“ wurde mir gesagt.
Ich war so dumm, das gleich als Einladung aufzufassen.
Das Unheil nahm seinen Lauf.

Gleich als ich kam, kam ich auch schon zu spät, was jedoch geraume Zeit niemandem auffiel.

Weil die Gastgeber nur mit Schwierigkeiten, jedoch nicht mit meinem Erscheinen gerechnet hatten.

Mein kleiner grüner Mann im Ohr riet mir zur Verzögerungstaktik.
Ich sagte ihm, er solle das Maul halten. Doch er tat´s nicht.
Ich übrigens auch nicht.

Eine halbe Stunde harrte ich, innig in mich selbst versunken und den Problemen dieser Welt konsequent den Rücken zudrehend, vor der Tür aus
und widmete mich in intensivster Form der Überlegung, ob ich eben diese fallen lassen sollte.

Um stattdessen, lieber gleich als später, mit besagter Tür ins Haus zu fallen. Die Musik gefiel mir nicht.

Taktlos trug ich meine soziale Entfremdung zur Schau und vergass natürlich zu klingeln. Vorsichtig schlich ich die Treppe hinab, immer dem Schlamassel und der Musik nach.

Niemand sah mich – dachte ich, denn ich denke oft.
Das sollte mir noch schlecht bekommen.

Kaum hatte ich mit lässiger Eleganz die Kellertür geöffnet, hinter der jener düstere Raum liegen musste, in dem die Erinnerung an längst verjährte Vorfälle wachgefeiert wurde – da ward´ es plötzlich furchtbar leise und jemand hielt so etwas wie eine Rede.

„Liebes Geburtstagsdings, wir haben uns heute hier versammelt, um...“

In diesem Moment hatte der Vortragende mich entdeckt, so mitten in der Tür völlig ohne Deckung und überhaupt ohne alles. Gierige Blicke von allen Seiten.

„Guten Abend“, plauderte ich wohlerzogen schweisstriefend, „ich bin der Gasmann und soll die Milchrechnung kassieren“.

Kein Mensch hat gelacht.

Ausser mir natürlich.

Später, viel später, als ich endlich aus der Ohnmacht erwacht war, in die man sich in einer solchen Situation am besten rettet, begegnete ich Anna B. zum zweiten Mal. Und ich hatte gedacht, ich wäre auf alles vorbereitet.

„Mensch, wie kannst Du das denn machen“, zischte sie erbost, „komm´ bitte gefälligt eher und wenn, dann nicht nach System Hauruck“.

Im Hintergrund gab es wieder Musik.
Die Rumpy Dumpy Big Band spielte, lauter als erlaubt, „Roll `em over, Doofer“.

Irgendjemand lachte und warf mir eine Salzstange ins Gesicht.
Sie schmeckte auch so.

Ich versuchte mich herauszureden.

„Es liegt an der gruppenpsychologisch unkalkulierbaren intellektualisierten Formalkonstante, deren ablaufspezifische Funktion im unbedingten Zusammenhang mit der allgemeinen sozialen Unsicherheit informeller Beziehungssysteme gesehen werden muss, um demzufolge eine empirisch exakte Analyse in das Gesamtbild einer sozialisationstechnischen Geburtstagsfeier integrieren zu können“.

„Quatsch“, sagte Anna B. und tippte sich vielsagend genau da hin.

Erneut warf mir jemand eine Salzstange ins Gesicht und brüllte aus vollem Hals „Halt´s Maul, Paul“.

Ich tat´s aber immer noch nicht.

Während ich mich mit Anna B. noch immer vergeblich über Wert und Unwert asozialer und bsozialer Beziehungen zu verständigen versuchte und schliesslich die Diskussion bei der Relevanztheorie über den biochemischen Aufbau südaustralischer Schleimschnecken angelangt war, veranstalteten die Spezialisten im Hintergrund für den Rest der Fete muntere Spielchen wie Sackhüpfen, Eierlaufen und DrehteuchnichtumderPlumpsackgehtrum.

Es sollen sogar Leute dagewesen sein, die richtig getanzt haben.
Mir graut bei dem Gedanken, wie wenig Beherrschung doch manche Menschen haben.

Es war schliesslich nicht genau zu klären, ob und warum meine Anwesenheit ihre Berechtigung hatte.

Schliesslich hatte sie ja auch eigentlich keine.

Die ganz Zeit stierte mich ein gleichaltriger Typ mit einem irren Blick an.
Der Kerl sah total verschlufft aus, wirkte ein bisschen abgenutzt um´s Kinn rum und war mir nicht ganz geheuer.

Als ich winkte und „huhu“ rief, machte er genau das Gleiche.

Der Bursche gefiel mir nicht.
Anscheinend gefiel er niemanden der Anwesenden und das beruhigte mich.

Bei passender Gelegenheit fragte ich Anna B., wer der Knabe eigentlich sei.
Denn es war bei dieser Geburtstagsfeier meist zu dunkel, um alles zu erkennen.

„Na bitte“, entgegnete sie, „das ist ein Spiegel, was denn sonst ?“.

Es blieb den anwesenden Gästen nichts anderes übrig, als sich mit den bestehenden Tatsachen abzufinden.

Dann erschien das Überfallkommando.

Ich bot den grossen grünen Männern noch ein paar harte Sachen an.
Ich war sehr schlagfertig bei den nachfolgenden Diskussionen.

Der durchschlagende Erfolg, meinerseits, blieb jedoch aus.

Hinterher gab es noch warmes Bier.
Einer der netten Polizisten erzählte schmutzige Witze.

Als wir endlich auf der Wache ankamen, schmerzte mir der Kopf vor Lachen
und von einem Hieb mit einer Bierflasche.

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