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Wenn Engel irren

in Alte und neue Literatur...von Gilbert Kapkowski 21.06.2018 13:47
von gkapkowski • 15 Beiträge

Wenn Engel irren
von Gilbert Kapkowski 13.Februar 2018


In einem, etwas abgelegenen, Park standen zwei Steinskulpturen nebeneinander, in Form eines nackten Mannes und einer, ebenso unbekleideten, Frau.

Die beiden Figuren waren schon etwas verwittert und insgesamt nicht mehr sehr ansehnlich. Was offenbar darauf zurückzuführen war, dass sie bereits seit vielen langen Jahren, ziemlich einsam, in diesem Park herumstanden.

Niemand von den vorbeigehenden Leuten schien sie besonders zu beachten und so fristeten beide auf ihren Sockeln am Rande eines kleinen Gebüsches ein bescheiden tristes Dasein.

Eines Tages zur Frühlingszeit schwebte ein Engel vom Himmel herab in den Park, in dem sich gerade kein einziger anderer Besucher aufhielt.

Der Engel wanderte eine Weile herum und erblickte dann die beiden Skulpturen in Form des nackten Paares.

Als er davor stand und kein Zuschauer störte, überlegte er sich, dass er diese beiden Figuren doch einmal zum Leben erwecken könnte.

In der ungewissen Erwartung, was beide dann mit ihrer gewonnenen Freiheit anfangen würden.

Sprach´s und im selben Moment erwachten beide wie aus einem langen Schlaf.
Sie schauten sich tief in die Augen, seufzten inständig und sprangen von ihrem Sockel herunter.

„So sei es“, sprach der Engel. „Ich habe Euch beide zum Leben erweckt und Ihr habt nun eine Stunde Zeit, alles zu machen, was Ihr wollt.
Ich werde Euch dabei nicht stören. Die einzige Bedingung ist, dass Ihr nach dieser Stunde wieder hier an Eurem alten Platz sein müsst.“

Die beiden belebten Statuen schauten sich an und lächelten.
Dass sie nackt waren, schien sie offenkundig nicht im geringsten zu irritieren.

Sie fassten sich bei den Händen und verschwanden, freudig aufgeregt, in dem kleinen Gebüsch hinter ihren Sockeln.

Der Engel setzte sich auf eine Bank, die in der Nähe stand und wartete die von ihm gewährte Stunde ab.

Er konnte nicht sehen, was hinter dem Gebüsch passierte.
Allerdings war fortlaufend ein ziemlich lautes Gestöhne und der eine und andere Wohllaut unüberhörbar zu vernehmen. Im Busch raschelte es kräftig.
Ab und zu flog ein Vogel aus dem Gebüsch heraus.

Als die Stunde vorbei war, erschienen die beiden belebten Statuen vereinbarungsgemäss und Hand in Hand zurück am Platz ihrer Sockel.

Der Mann streckte und reckte sich ein wenig. Die Frau biss auf ihrer Unterlippe herum und strich sich, etwas verlegen, die langen Haare aus dem Gesicht.

Der Engel musterte beide ausgiebig.

Sie waren offensichtlich erschöpft von ihrer Tätigkeit in der letzten Stunde.
Beide waren ausser Atem, einigermassen verschwitzt, dabei aber ersichtlich glücklich. Was dem Gesichtsausdruck eindeutig zu entnehmen war.

„Hmmh“, sagte der Engel. „Mir scheint, diese Stunde scheint sich sehr gelohnt zu haben. Ich kann nur ahnen, wie schön das für Euch beide gewesen sein muss.
Ich finde, das sollte irgendwie noch nicht zu Ende sein.
Wisst Ihr was – Ihr bekommt von mir noch eine weitere Stunde.“

Die beiden Statuen schauten sich eindringlich an.

„Gut“, sagte die Frau zu der männlichen Statue,
„dann machen wir das in der nächsten Stunde aber genau andersherum.“

„Wie ist das zu verstehen ?“ fragte der Engel.

„Ganz einfach. Jetzt hält ER die Taube fest.
Und ICH scheisse ihr auf den Kopf.“

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